KUNST & KULTUR SPOTLIGHT

SPOTLIGHT: SOLARIS

„Du glaubst Du träumst mich.“
„Du bist nicht Gibarian.“
„Nein? Wer bin ich dann?“
„Eine Marionette.“
„Du etwa nicht? Vielleicht bist Du meine Marionette. Aber du glaubst wie alle Marionetten du wärst ein Mensch. Das ist der Traum jeder Marionette: Mensch zu sein.“

Nachdem ich schon den letzten Eintrag mit Project Pitchfork einleitete, beschloss ich zur Abwechslung mal total unabwechslungsreich zu sein, und mache das Gleiche direkt nochmal (wen es interessiert, „The Longing“ ist 1995 auf der Alpha Omega erschienen; Ich= stolze Besitzerin der limitierten Metallboxversion *begeisterte Angeberei Ende* und schnell zurück zum eigentlichen Thema). Ursprünglich wollte ich nämlich obiges Video als Abschluss des letzten Posts zeigen, entschied dann aber spontan dem Video bzw. dem Film aus dem irgendein Mensch mit gutem Geschmack (zu den Texten von PP passende) Szenen entnommen und mit gerade erwähnter Begleitmusik untermalt hat, ein eigenes Thema zu widmen.
(Hallo Schachtelsätze, mir tun jetzt schon die Google- Übersetzungstoolnutzer leid :P…)

Einer der beeindruckendsten Filme der letzten Jahrzehnte (genauer gesagt von 1975, Regisseur war Andrei Tarkowski), nach dem gleichnamigen Buch von Stanislav Lem, welcher den Film laut eigener Aussage nicht mochte. Lem ist einer der größten Science- Fiction Autoren überhaupt, dessen Werk jedoch nicht auf actionreiche Sternenkriege beschränkt ist (nichts gegen dieselben,ich sag´s nur…), sondern sich eher mit den philosophischen Fragen die die Zukunft mit sich bringen könnte auseinandersetzt; in Solaris beispielsweise mit der Überlegung, inwieweit der Mensch überhaupt in der Lage ist mit extraterrestrischer Existenz umgehen oder kommunizieren zu können.

„Verlage, die mich in einer mit Science-fiction etikettierten Schublade eingeschlossen haben, taten dies hauptsächlich aus merkantilen und kommerziellen Gründen, denn ich war ein hausbackener und heimwerkelnder Philosoph, der die künftigen technischen Werke der menschlichen Zivilisation vorauszuerkennen versuchte, bis an die Grenzen des von mir genannten Begriffshorizontes.“

… beschreibt er sich und sein Werk selbst, und genau das wird auch im verfilmten Werk deutlich:
„Solaris“ ist zwar durchaus „Science Fiction“, allerdings nicht im klassischen Sinne, tritt doch die Tatsache, dass es im Weltraum auf einem mysteriösen Planeten spielt, komplett in den Hintergrund um einem sehr ruhigen, intensiven Film, in dem  es um existenzielle Fragen wie die Gegenüberstellung von Wissenschaft und Religion/ Spiritualität geht, Platz zu machen.
Erwähnte Gegenüberstellung wird in dieser Geschichte als Konflikt dargestellt, eine fruchtbare Verbindung von beidem scheint unmöglich oder wird jedenfalls sehr mutlos betrachtet- darüber hinaus wird im Film nie die Frage beantwortet was Solaris mit dem geheimnisvollen Ozean, der die Eigenschaft hat die Gefühle der Menschen auf dem Planeten zu materialisieren, überhaupt „ist“.
Diese Fähigkeit des Ozeans, die Empfindungen und Erinnerungen „real“ auferstehen zu lassen (wobei immer unklarer wird, was denn überhaupt Realität ist), führt letztendlich zu Konfrontationen der Protagonisten mit ihren Ängsten und Sehnsüchten- wodurch immer deutlicher wird, dass der Mensch Gefangener seiner Erinnerungen, Emotionen und vor allem Wahrnehmung ist.
Man erfährt dass die Wissenschaftler und Kelvin zunächst nur das erfassen was ohnehin schon in ihnen vorgegeben ist, was sie sehen nur nach ihren eigenen Erfahrungen erkennen und beurteilen können, es wird deutlich wie sehr sie von dem was sie sich durch vorgegebene Denkmuster bereits angeeignet haben eingegrenzt sind, und wie schwierig es ist diese Grenzen zu durchbrechen; Lem thematisiert hier, dass jede Suche nach etwas anderem, jeder Versuch Unbekanntes und Neues zu begreifen, eigentlich nichts weiter als die Suche nach und die Begegnung und die Auseinandersetzung mit uns selbst ist.

 

Ein weiteres Thema ist das Durchleben und der Umgang der Rückkehr mit Vergangenem, nie bewältigtem „Ballast“ der Hauptfigur, des Psychologen Kris Kelvin, der 10 Jahre bevor er auf diesen Planeten geschickt wird, seine Frau Hari durch Selbstmord verlor- woran er sich die Schuld gibt.

 

Hari materialisiert sich als er auf Solaris ist- und der Zuschauer erlebt nun wie Kelvin (noch einmal?) durch die verschiedenen Stadien der Trauerarbeit geht- als er sie zum ersten Mal sieht ist er so erschrocken, dass er sie ins All schießt- sie ist kurz darauf jedoch wieder da.
Er hört schließlich auf zu leugnen und beginnt sich auf sie einzulassen, sieht es als zweite Chance für ihn und sie, will sie sogar mit zur Erde zurück nehmen- Hari dagegen die, je menschlicher sie wird und je weiter sie sich davon entfernt nur ein von Kelvin erinnertes Hari- Spiegelbild zu sein (mit der Zeit entwickelt sie mehr und mehr ein eigenes Bewusstsein), desto ängstlicher wird, will sich dem entziehen, was ihr aber nicht gelingt, da sie sich nach wiederholt begangenem Selbstmord immer wieder auf´s Neue materialisiert; eine Situation die weiteren Druck für Kelvin bedeutet.
Die Kelvin/ Hari- Beziehung verdeutlicht wieviel Macht verlorene oder tote Menschen über uns haben und wie sehr sie uns vereinnahmen können wenn wir es zulassen, bzw wie im Falle Kelvins nicht loslassen können von unserer vermeintlichen Schuld- und zum Anderen zeigt sie, dass Solaris für „Bestimmung“ oder das „Schicksal“ steht:
Hari bzw ihr Abbild kann selbst nicht entscheiden wann sie geht, ebenso ist klar, dass es für Kris nicht möglich sein wird sie zurück zur Erde zu bringen, da diese „Form“ der Hari nur auf Solaris existieren kann.

Der Film spielt mit Farben, hier alles schwarz/ weiß, da ein bläulicher Filter über allem, einmal das kühle, wissenschaftliche, rationale in düstere oder blendend hell kalte „Nichtfarben“ getaucht, auf der anderen Seite der Planet Solaris mit seinem sich ständig in Farbe und Oberflächenstruktur veränderndem unergründlichen Ozean, der wie erwähnt die menschlichen Empfindungen auferstehen lässt, das Gewissen der Menschen verkörpert, für das Leben (im Buch ist er auch- je Interpretation- mit „dem Weiblichen“ assoziiert, wird der Ozean an einer Stelle als „sich zusammenkrampfende, lebende Lippen“ beschrieben) und die Spiritualität steht- letzteres übrigens auch schön deutlich gemacht durch die Musikauswahl des Regisseurs, so werden diese Szenen von Bachs „Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ“(BWV639) begleitet- Religion gegen oder neben Wissenschaft?
Der hier gezeigte Mensch ist gefangen in seiner Subjektivität und Sklave seiner Ängste, so wollen am Ende zwei der Wissenschaftler Solaris vernichten, da der Planet und die Auswirkungen die die Umgebung auf das menschliche Bewusstsein haben Ihnen Angst macht, und diese Angst in ihnen den Wunsch nach Vernichtung weckt, in der Hoffnung ihr entfliehen zu können.

Beim Anschauen selbst- nun, der Film hat ein eigenens, sehr gebremstes Tempo, man sollte sich darauf einlassen und es wirken lassen, ich könnte mir vorstellen dass der/ die eine oder andere möglicherweise die Geduld verlieren oder gelangweilt sein könnte, eventuell auch verwirrt, geht es doch teilweise sehr schleppend und zäh voran; gerade das macht für mich aber- neben vielen anderen Punkten- dieses Werk so einzigartig da es diese ganz spezielle Athmosphäre schafft und viel Raum für eigene gedankliche Exkursionen lässt. Das zähe Tempo und die defätistische Haltung einiger Figuren unterstreicht die düstere, beklemmende Stimmung und lässt den Zuschauer den Druck dem Kelvin und die anderen ausgesetzt sind nachfühlen.

 

Zum Abschluss wäre noch zu erwähnen dass dieser Film 2002 von Soderbergh mit George Clooney als Kelvin verfilmt wurde, dazu kann ich aber (bisher) leider nichts sagen, da ich diesen selbst noch nicht sah.
Der Tarkowski- Film lässt eigentlich noch weit ausführlichere und andere Interpretationen zu, aber im Grunde wollte ich ihn ja nur kurz (*räusper*) empfehlen- wenn ihr ihn nicht sowieso bereits kennen solltet- und schließe daher jetzt weil ich sowieso schon genug gefaselt habe und sonst, wie ich mich kenne, niemals ein Ende finden werde 🙂
Vermutlich… gibt es nächstes Mal dann wieder vor allem Bilder. Mit ohne viel Text 😉

Habt ein schönes Wochenende!

Eure Rohmy

8 Comments

  1. You´ve just a good taste in everything, great movie!

    Love

    Emilie

  2. sehr einzigartiges blog, tolle bilder und gute rezensionen. endlich mal etwas anderes im sonstigen einheitsbrei.
    werde es abbonieren.
    gruß robert

  3. Solaris was a beautiful film (both versions – but especially the original)…I never read the book but did love the psychological mystery and complexity of the story

  4. Masterpiece.

  5. Ein Meisterwerk!

  6. As G said. I loved both versions but prefer the older version. You should watch the Soderbergh one also though…

  7. Dankeschön, thanks 🙂

    @moonchild:
    Last weekend i had the chance to watch the Soderberghversion- it is different to the other one and focused mainly on the lovestory between Kelvin & his wife but although it doesn´t really or "perfect" come up to the book i think it is a very good movie and recommend everyone who has´nt seen it yet to watch it.

    R.

  8. Hi Miss thang:)
    Loved the first photo,and it looks so peacefull…

    Have a great day:)

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