Tschüss Dawanda

Bevor es morgen einige Terminankündigungen gibt, vorweg noch etwas in Sachen Verkaufsplattformen:

Es war eine der Schlagzeilen der letzten Wochen: Dawanda, der Online-Marktplatz für Handgemachtes schließt die Tore. Eine Nachricht, die die meisten dort aktiven Händler völlig kalt erwischte. Besonders bedauerlich war die Tatsache, dass man es zuerst aus der Presse erfuhr, und sich die Geschäftsleitung erst mit großer Verspätung dazu äußerte, während im Hintergrund bereits seit 2017 die Abwicklung lief.
Liest man ein wenig in entsprechenden Foren, erhält man einen Eindruck darüber, welche Konsequenzen das für einige der Händler hat, die sich über Dawanda eine Existenz aufgebaut haben und mit der Schließung nun vor dem beruflichen Aus, oder zumindest der großen Herausforderung, sich neu orientieren zu müssen, stehen.
Ich selbst sehe das ganze auch ein bisschen mit Wehmut, denn Dawanda war 2008 die erste Plattform bei der ich eigene Entwürfe zum Verkauf anbot, während ich meine ersten Schritte in die Selbstständigkeit wagte – auch wenn ich zu dem Zeitpunkt mein Geld noch hauptsächlich mit Auftragsarbeiten verdiente, und das nicht über Dawanda, sondern nur in persönlichem Kundenkontakt. Dennoch war meine Zeit bei Dawanda eine wichtige, da ich dort, gerade erst den Studienabschluss in der Hand, meine ersten Erfahrungen im Onlinehandel sammeln konnte, und darüber hinaus einige Kontakte zu anderen tollen Künstlern und Handwerkern knüpfen konnte, die noch heute bestehen.
Auf der anderen Seite erwischte mich das Aus jetzt nicht soo überraschend, denn ich selbst habe Dawanda ja bereits vor einigen Jahren nicht ohne Grund den Rücken gekehrt, da sich in meinen Augen schon damals abzeichnete, dass das ursprünglich großartige Konzept, Künstlern, Designern und Kunsthandwerkern eine Plattform zu schaffen, auf der sie ihre handgemachten Produkte anbieten können, von den Gründern aus Profitgier verraten worden ist.
Klingt jetzt ziemlich theatralisch, war aber nunmal der Eindruck, der sich im Laufe der Zeit aufgrund diverser Neuerungen bei mir immer stärker aufdrängte:
Ein für mich sehr großes Problem stellte etwa die Tatsache dar, dass sich auf Dawanda immer mehr Händler aus Fernost tummelten, die (chinesische) Massenware im großen Stil anboten, und damit nicht nur die Preise von echter Handarbeit kaputt machten, sondern, anstatt dass diesen Verkäufern gekündigt wurde, sie über eine lange Zeit auch noch bevorzugt behandelt wurden. Für mich völlig unverständlich erließ man nämlich Händlern mit Firmensitz außerhalb Deutschlands die Einstellgebühr.
In Folge kam es zu einer Art Artikel-Spam:
Jeder neu eingestellte Artikel erscheint ganz vorne, und ist damit kurzzeitig auf der Startseite zu sehen (eben solange, bis er durch die nachrückenden Neueinstellungen auf hintere Seiten verdrängt wird). Die Händler, die jetzt keine Einstellgebühren zahlen mussten, konnten also kostenlos alle paar Stunden (oder in noch kürzeren Abständen) ihre Artikel immer wieder neu einstellen, und besetzten damit quasi rund um die Uhr die Startseite. Die in DE ansässigen Händler konnten damit natürlich nicht konkurrieren, denn wer kann oder will schon alle paar Minuten die Einstellgebühr bezahlen, und landeten direkt irgendwo auf den hinteren Seiten der Plattform und wurden nicht mehr gefunden.
Ähnlich problematisch fand ich persönlich, dass auf der Plattform in vielen Shops wenig Wert auf Professionalität gelegt wurde, oder man zumindest den Eindruck hatte, dass man es damit nicht so genau nahm. Es gab sehr viele Händler, die sich dort als „Privatverkäufer“ anmeldeten, und Rechtliches völlig außer Acht ließen. Letzteres ist mir persönlich relativ egal, bevor ich bei anderen schaue ob sie korrekte AGB haben, kümmere ich mich lieber um meine eigenen, ABER dazu kam, dass sie, ähnlich den Chinahändlern, die Preise drückten, indem sie ihre handgemachten Produkte völlig unter Wert verkauften.
Dadurch entstand bei manchen ein bisschen der Eindruck, als wäre Dawanda eine Plattform für Leute, die nebenher ein bisschen nähen und Schmuck basteln, und es passierte mir mehr als einmal, dass ich damit in einen Topf geworfen wurde und in Folge mit teilweise sehr unverschämten Kommentaren zu meiner Preispolitik konfrontiert wurde.
Letzteres mache ich den Kritikern nicht einmal zum Vorwurf, denn ich erwarte nicht, dass ein Laie auf Anhieb den Unterschied erkennt, ob da jemand professionell arbeitet, hochwertige Materialien nutzt und mit seiner Firma, mit der er seinen Lebensunterhalt bestreitet vertreten ist, oder nur ein bisschen bastelt und sich damit ein Taschengeld verdienen will. Und aus Unwissenheit oder weil es ihm egal ist, sogar Verluste einfährt, würde man die Preise tatsächlich auf Materialkosten und Arbeitszeit umrechnen.

Vorwürfe, meine Kleider seien im Vergleich zu anderen Händlern völlig überteuert, oder die Fragen ob man „nicht noch was am Preis machen könnte“, hört man trotzdem nicht gerne, und sich für etwas eigentlich selbstverständliches (was denkt jemand, was ein Kleid in dem 60 Arbeitsstunden stecken kostet? Einfach mal mit dem eigenen Stundenlohn malnehmen und noch Material etc. draufrechnen), rechtfertigen zu müssen, wird auf Dauer auch sehr mühsam. Spätestens als dann ein amerikanischer Investor einstieg, beschworen einige der Händler den unausweichlichen Untergang (da ich damals bereits weg war, bekam ich davon nicht mehr viel mit)
Kurz, ich fühlte mich bei Dawanda nicht mehr aufgehoben, und legte meinen Shop auf Eis, indem ich alle Artikel löschte und zu Etsy umzog. Damals die beste Entscheidung, und auch heute bin ich rückblickend froh, mich relativ schnell von Dawanda verabschiedet zu haben.
Warum schreibe ich das jetzt überhaupt alles?
Ganz und gar nicht um nochmal „nachzutreten“ – viel mehr, befürchte ich nun, dass es mit Etsy einen ähnlichen Weg gehen könnte:
Es gibt nämlich eine Art „Deal“ zwischen Dawanda und Etsy:

Es wurde eine Schnittstelle eingerichtet, über die alle Dawandahändler ihre Artikel und Bewertungen auf Etsy übertragen können.
Für mich heißt das, selbst wenn nicht alle dieses Angebot nutzen werden, so wird es doch in den nächsten Wochen schlagartig tausende neuer Etsyverkäufer geben – inklusive asiatischer Billighändler mitsamt ihrer unzähligen (guten) Bewertungen, was direkt den Eindruck seriöser Händler vermittelt, auch wenn die Artikel gefälscht sind oder nicht ansatzweise etwas mit „Handarbeit“ oder ethischem Herstellungsprozess usw. zu tun haben. Darüber hinaus erhöht Etsy pünktlich zum Juli die Verkaufsgebühren, und führt ein neues System mit Preisstaffelung ein, bei dem, je nach Auswahl der Werkzeuge, zusätzliche monatliche Kosten auf die Händler zukommen.
Lange Rede kurzer Sinn:
Ich habe nicht vor, meinen Etsyshop jetzt direkt deswegen zu löschen, dafür läuft er (noch) zu gut. Allerdings werde ich aufgrund der Gebührenerhöhung auf längere Sicht gesehen, nicht darum herumkommen, meine Preise entsprechend anzupassen, und ich muss beobachten, ob man zukünftig noch so gut wie bisher von potentiellen unden gefunden wird, oder ob die Beiträge/ Artikel, ähnlich wie bei Facebook und Instagram mit deutlich beschränkter Reichweite durch die entsprechenden Algorhitmen mehr oder weniger untergehen.
Aus diesen Gründen werde ich in Zukunft einen eigenen Onlineshop, unabhängig von irgendeiner anderen Verkaufsplattform errichten, den ihr dann über meine Website erreichen könnt. Das bedeutet jetzt zwar noch einmal einiges an Mehrarbeit, aber ich fühle mich wohler mit dem Gedanken noch einen eigenständigen Webshop zu haben. Und wenn ich ohnehin zukünftig mehr Geld und Zeit für Werbung und das „gefunden werden“ ausgeben muss, investiere ich das lieber in die eigene Seite und lasse Etsy mit etwas weniger Produkten nebenher laufen.

Ob ich nächstes Mal mit der #mmtm-challenge fortfahre, oder erst zu einem späteren Zeitpunkt, weiß ich noch nicht – derzeit überschlagen sich die Ereignisse hier förmlich, und um halbwegs aktuell zu bleiben, muss ich vermutlich noch einige Posts zu anderen Themen vorher veröffentlichen – unter Anderem geht es um kommende Veranstaltungen, auf denen ihr mich persönlich treffen und meine Kollektion anschauen könnt :)

Dazu in Kürze mehr,

Eure Rohmy

P.S.: Das heutige Titelbild war mein erstes Profilbild auf Dawanda – dachte, dass das etwas freundlicher ist als das Friedhofsbild, das ich erst nehmen wollte :D

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