Sexismus oder Kunst? Zensur- Debatte über Waterhouse- Gemälde "Hylas und die Nymphen"

Kunst oder Sexismus: Die Nymphen sind wieder zurück!

Sexismus oder Kunst? Zensur- Debatte über John William Waterhouse - Gemälde "Hylas und die Nymphen"

Schön, dass die Werke von John William Waterhouse noch bekannter werden, ich wollte ihn sowieso schon längst mal im Rahmen meiner Spotlight- Serie hier vorstellen.
Weniger schön ist der Grund dafür:

In der vergangenen Woche entbrannte eine hitzige Diskussion zum Thema „Zensur“, nachdem bekannt wurde, dass das Gemälde „Hylas und die Nymphen“, das eine Szene aus der griechischen Mythologie darstellt, temporär von seinem Platz in einer Galerie entfernt wurde, um eine Diskussion über Sexismus in der Kunst anzuregen.

Inspiriert von der aktuellen Debatte rund um die #metoo– Bewegung, wolle man der Frage nachgehen, ob die Darstellung weiblicher Körper in einer Form, wie sie am Beispiel des präraffaelitischen Werkes zu sehen ist, noch zeitgemäß sei.

Ich überlegte, ob das Abhängen vielleicht eine Art Protest gegen die teilweise abstrusen Auswüchse, die diverse Sexismusdebatten mittlerweile getrieben haben, sein könnte.
Sozusagen eine vorsätzlich überspitzte Aktion, die anhand der Zensur des berühmten Gemäldes von 1896 demonstrieren soll, wie weit inzwischen einiges am Thema vorbei diskutiert wird (und damit im Vorbeigehen auch indirekt wirkliche Opfer sexueller Gewalt verhöhnt).

DAS habe ich wohl missverstanden:

Die Kuratorin der Manchester Art Gallery, Clare Gannaway erklärte, dass es nicht darum ginge zu zensieren, sondern darum, die überholte „viktorianische Phantasie herauszufordern“, welche Frauen entweder als „passives dekoratives Element“ oder als „femme fatale“ zeigt („This gallery presents the female body as either a ‘passive decorative form’ or a ‘femme fatale’. Let’s challenge this Victorian fantasy!“) und eine Debatte darüber auszulösen, wie solche Werke in der heutigen Zeit überhaupt zu präsentieren seien. Das Abhängen des Bildes sei hierbei selbst als Teil einer Kunstaktion zu sehen.

Es ging also doch weniger um Protest gegen übertriebene Political Correctness, sondern scheint der Logik zu folgen, die (ebenfalls in diesem Monat) zum Beschluss der Entfernung eines Gedichtes von der Außenwand der Berliner Alice-Salomon-Hochschule  führte. Es handelt sich dabei um das Gedicht „Avenidas“ des bolivianisch-schweizerischen Dichters Eugen Gomringer, in dem es um Alleen, Blumen, Frauen und einen Bewunderer geht (Ihr findet das Gedicht im verlinkten Artikel über diesen Fall). Der AStA der Hochschule forderte die Entfernung in einem offenen Brief, da das Gedicht bei einigen Studentinnen „ein komisches Bauchgefühl“ verursachte, weil es eine „klassisch patriarchale Kunsttradition“ reproduziere und „unangenehm an sexuelle Belästigung“ erinnere, „der Frauen alltäglich ausgesetzt sind“.

„Die Moral ist immer die Zuflucht der Leute, welche die Schönheit nicht begreifen.“

[Oskar Wilde]

Zeitgeist hin oder her, selbst jenen, die nicht einfach in einem älteren Werk ehrfürchtig und begeistert versinken können und es in heutigem Kontext (aus welchen Gründen auch immer) problematisch finden, sollte klar sein, dass der Versuch von Auslöschung oder Änderung künstlerischen Ausdrucks der Vergangenheit die Gegenwart oder Zukunft nicht verbessert.
In diesen Fällen sehe ich rein gar nichts, dass zu einer “Gleichberechtigung“ beiträgt, ich sehe ganz im Gegenteil ein paar Einzelpersonen oder kleine Gruppen, die versuchen dem Rest der Gesellschaft ihre Weltanschauung aufzuzwingen, Gräben weiter zu vertiefen und damit erschreckenderweise auch noch viel zu oft durchkommen.

Bilderstürmer?

Als ich im Radio von der Zerstörung Palmyras erfuhr, war ich erschüttert. Wobei der Begriff noch zu kurz greift. Mir ging das damals richtig nahe.
Der Bogen ist weit gespannt, und das Abhängen eines Bildes nicht mit einem derart brutalen (religiösem oder politischem) Ikonoklasmus gleichzusetzen, dennoch löst das Entfernen eines Bildes oder Gedichtes mit derartig seltsamen Begründungen ein ähnlich verstörendes Gefühl in mir aus:

Es herrscht ein neuer Zeitgeist, also muss das vorhergehende, „überholte“, verachtete usw. ausradiert werden. Siehe diverse Bilderstürme und Säuberungsaktionen in Museen aus älterer und jüngerer Vergangenheit.
Man muss über Werke kontrovers diskutieren dürfen, wir haben in Kunstgeschichte die Alten Meister auch unter modernen Gesichtspunkten analysiert. Allerdings ohne ideologische Vorgaben seitens der Dozentin. Das bloße Abhängen eines Klassikers und damit die Entscheidung, was der Betrachter davon zu halten hat, ist einer zivilisierten und aufgeklärten Gesellschaft wie unserer dagegen nicht würdig. Ich empfinde diese extreme Kleingeistigkeit beklemmend und in letzter Konsequenz gefährlich für eine freie Gesellschaft.

An Stelle des Bildes entstand Raum für Zettel, auf denen Besucher ihre Meinung kundtun konnten. Das taten sie reichlich:
Anstatt einer Diskussion um Sexismus wurde nun über Zensur diskutiert.

Und wenn ich schaue, was da tendenziell geschrieben wird, bin ich wieder guter Hoffnung – begeistert scheinen nämlich die wenigsten von dieser Aktion zu sein, seit gestern hängt das Bild wieder an seinem alten Platz, und das Gomringer- Gedicht soll zukünftig einen neuen Platz an einer Museumsfassade in der Wahlheimat des 93- jährigen erhalten.

Habt einen schönen Sonntag,

Eure Rohmy

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